Filiz Polat, MdL

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18. Mai 2009

Rede zur Einbügerungsfeier am 27. April 2009

Rede von Filiz Polat zur Einbügerungsfeier im Neuen Rathaus Hannover

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Weil, sehr verehrte Gäste,

es ist mir wirklich ein große Ehre an diesem, ihrem besonderen Tag einige Worte zu ihnen sprechen zu dürfen.

Ein besonderer Tag für sie.

Ein besonderer Tag aber auch für uns und auch für mich.

Wir feiern gemeinsam ihre Einbürgerung, das Erlangen ihrer deutschen Staatsbürgerschaft. Damit haben Sie nun alle die vollen politischen Rechte und Pflichten eines Bürgers dieses Landes bekommen.

Vorne weg das Wahlrecht, aber auch das Recht sich selber in ein Parlament wählen zu lassen.

Vielleicht ist unter ihnen ja die zukünftige Ministerpräsidentin dieses Landes. Ich würde mich sehr darüber freuen.  

Und ich kann ihnen sagen, es gibt gleich viel in diesem Jahr zu tun. Denn es ist  - wie es so schön in den Medien derzeit heißt – es ist Superwahljahr.

Und Herr Oberbürgermeister Weil, in Hannover - wie ich gesehen habe - werben die Parteien schon sehr früh um die Gunst der WählerInnen.

Ich selber komme aus dem schönen Landkreis Osnabrück, da scheinen die Parteien noch in Wartehaltung zu sein.

Sie sehen, meine Damen und Herren, kaum haben sie die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt – da fangen die Politikerinnen an von Wahlkampf zu reden.

Nein, ich möchte diese eine Wahl ansprechen, die am 7. Juni statt findet, weil sie etwas Besonderes mit ihrer deutschen Staatsbürgerschaft verbindet. Im Juni 2009 werden die siebten Wahlen zum Europäischen Parlament stattfinden. 30 Jahre nach den ersten Direktwahlen werden rund 375 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen sein, insgesamt 736 Abgeordnete zu wählen. Die Abgeordneten werden nahezu 500 Millionen Menschen aus 27 Mitgliedstaaten und damit die zweitgrößte Demokratie auf der Welt repräsentieren. Sie können dieses Parlament bald mitgestalten. Einige von ihnen können bereits dieses Mitgestaltungsrecht der europäischen Bürgerschaft genießen.

Mit ihrer deutschen Staatsbürgerschaft werden sie Teil des Hauses Europa. Damit bekommen sie auch alle Rechte der europäischen BürgerInnen.

Wie ich finde eine schöne Errungenschaft des europäischen Einigungsprozesses.

Ich bin seit etwa 5 Jahren Abgeordnete im niedersächsischen Landtag und Sprecherin für Europapolitik und Zuwanderungspolitik meiner Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Meine politische Überzeugung ist, dass die kulturelle Vielfalt wichtige Faktoren für den Erfolg eines Landes sind.

Deshalb kämpfe ich im Parlament für eine weltoffene und tolerante Gesellschaft – vor allem ohne Rassismus und Fremdenhass.

Sie alle tragen dazu bei, dass Hannover und Niedersachsen diese Vielfalt und Weltoffenheit leben kann.

In Niedersachsen wohnen 1,2 Millionen Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte. Von diesen 1,2 Mio. Menschen haben knapp 700.000 bereits die deutsche Staatsbürgerschaft.

Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen den Weg der Einbürgerung wie sie gehen.

Allerdings muss man dazu sagen, dass in den letzen paar Jahren die Hürden zur Einbürgerung immer höher wurden und zudem für viele auch die Aufgabe der alten Staatsbürgerschaft nicht in Frage kommt.

Ich selber setze mich politisch dafür ein, dass die Möglichkeit der Mehrstaatigkeit endlich Normalität in Deutschland wird so wie sie für mich von Geburt an eine Selbstverständlichkeit ist.

Als Tochter eines türkischen Einwanderers und einer Deutschen darf ich beide Staatsbürgerschaften besitzen. Meinem Vater der seit 40 Jahren in diesem Land lebt ist dieses verwehrt geblieben.

Und von daher ist es immer wieder interessant auf Menschen zu treffen, die diesen Weg - eine neue Staatsbürgerschaft anzunehmen - gehen. Für manche war es ein schwieriger Weg, für die anderen war es ein einfacher Weg.

Ich hoffe sie werden alle mit diesem Pass viel Freude haben.

Was ein großer Vorteil ist und für sie sein wird wie ich finde ist: man braucht für viele Länder kein Visum mehr zu beantragen. Das spart viel Zeit und Nerven.

Ich habe aber auch eine Bitte an sie.

Ich weiß nicht, wer von ihnen die zahlreichen Fernsehsendungen auf allen Kanälen dieses Landes kennt:

Wie z.B. Good Bye Deutschland oder die Auswanderer. Wir haben es seit einiger Zeit mit einem zunehmend starken Trend zu tun. Die Deutschen verlassen in Scharen Deutschland, aber auch Niedersachsen, um ihr Glück in Kanada, Mallorca oder Dubai zu suchen.

Ich bitte sie, jetzt wo sie Deutsche sind, wandern sie nicht aus und bleiben. Bleiben sie vor allem im schönen Niedersachsen.

Ich möchte mich bei ihnen für Ihre Aufmerksamkeit bedanken und mit einem Gedicht von dem türkischen Dichter Nazim Hikmet enden. Er selber kann man sagen war Kosmopolit. Geboren in Thessaloniki, türkischer Staatsbürger mit deutsch, polnischen Vorfahren. Er selber war auf Grund seiner kritischen Publikationen – politisch verfolgt und bekam die türkische Staatsbürgerschaft aberkannt. Erst in diesem Jahr – knapp 45 Jahre nach seinem Tod – erhielt Nazim Hikmet die türkische Staatsbürgerschaft zurück.

Ein Gedicht von Nazim Hikmet - ein sehr treffendes Gedicht für diesen ihren besonderen Tag:

Yaşamak bir agaç gibi, tek ve hür, ve bir orman gibi kardeşçesine, bu hasret bizim! Leben einzeln und frei wie ein Baum und dabei brüderlich wie ein Wald, diese Sehnsucht ist alt.

Herzlichen Dank! 

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