Filiz Polat, MdL

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1. Dezember 2008

Interview mit der Young Hürriyet

Fragen an die niedersächsische Landtagsabgeordnete Filiz Polat für die Young Hürriyet

Young Hürriyet: Sie sind Tochter eines türkischen Arztes und einer deutschen Kommunalpolitikerin. Wie hat sich Ihr multikulturelles Elternhaus auf Ihre heutige Lebenseinstellung und Ihre Person ausgewirkt? Gibt es Vor- und Nachteile? Wenn ja welche?

Polat: Alle sprechen von Schulungen in interkultureller Kompetenz. Das brauche ich definitiv nicht mehr. Es ist einfach schön zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen. Konflikte gab es bei uns dadurch nie.

Young Hürriyet: Sie sind eine Mitgründerin der Grünen Jugend in ihrem Heimatort Bramsche? Sie waren damals 18 Jahre alt, was hat Sie dazu bewegt politisch aktiv zu werden?
Was wollten Sie damals in der "Welt" bzw. In "Deutschland" verändern? Und haben Sie bis heute etwas verändern können?

Polat: Eigentlich bin ich schon viel früher politisch aktiv gewesen. Mit 11 Jahren haben meine Freundinnen und ich eine Kinder-Greenpeacegruppe in Bramsche gegründet. Damals waren wir durch den Atomkraftunfall in Tschernobyl sehr stark sensibilisiert worden. Wir wollten die "Welt" verändern. Wir haben zum Beispiel Unterschriften gesammelt, damit das Abschlachten von den größten Meeressäugetieren - die Wale - gestoppt würden. Wir hatten Erfolg. Denn tausende andere Kinder und Menschen auf der Welt haben das Gleiche getan und der Walfang wurde weitgehends eingestellt.

Young Hürriyet: Thema "Integration" : Was halten Sie davon? Gibt es eine Messlatte woran man die Integration eines Migranten feststellen kann?
Was halten Sie vom jährlich stattfindenden Integrationsgipfel / Jugendintegrationsgipfel?

Polat: Integration ist keine Einbahnstraße. Derzeit wird Integration sehr einseitig definiert. Es ist genauso – wenn nicht sogar noch wichtiger – die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Damit meine ich, dass auch "die Deutschen" sich anpassen bzw. Respekt und Toleranz gegenüber anderen kulturellen und religiösen Lebensformen ausüben müssen. Der Integrationsgipfel ist für mich eine reine Symbolveranstaltung. Denn während die Bundesregierung über Integration diskutiert, setzt sie gleichzeitig eines der ausländerfeindlichsten Zuwanderungs- und Staatsangehörigkeitsgesetze um.

Young Hürriyet: Ist der Einbürgerungstest, um deutscher Staatsbürger zu werden gerecht oder eher eine Mauer für viele Migranten die Integrationspotenzial zeigen?  Oft wird erwähnt, dass eingebürgerte Zuwanderer erfolgreicher in Deutschland sind. Stimmt es? Woran kann das liegen?

Polat: Es ist zweifelsohne wünschenswert, wenn alle Staatsbürgerinnen und  Staatsbürger möglichst Kenntnisse über die Geschichte, gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen unseres Landes haben. Der deutsche Einbürgerungstest hingegen ist Ausdruck des Misstrauens und des Willens zur Abschreckung gegenüber einbürgerungswilligen Personen. Ich will ein Beispiel nennen, dass der Test auch teilweise Absurdes abfragt. Auf die Frage 232 des Fragenkatalogs "Welches Land hat eine Grenze zu Deutschland?" wird in der Antwortalternative a ein Land "Jugoslawien" angeboten, das seit längerer Zeit nicht mehr existiert.
Zu den anderen Fragen: Mein Vater ist ein sehr erfolgreicher Zuwanderer - auch ohne die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen zu haben. Leider kann er dadurch seine Tochter nicht wählen.

Young Hürriyet: Thema "PISA-Studie". Schüler mit Migrationshintergrund haben sehr schlecht abgeschnitten, woran liegt das Ihrer Meinung nach? Was kann man dagegen tun?  Hauptschulen werden als Problem dargestellt! Der Parteivorsitzende der Grünen Herr Cem Özdemir ist der Meinung, dass die Hauptschule eine Sackgasse ist, die endlich abgeschafft werden muss!". Was denken Sie darüber?

Polat: Unser gesamtes Schulsystem ist ungerecht. Wir brauchen eine Schule die von der 1. bis zur 9. Klasse alle Kinder gemeinsam beschult und nach ihren individuellen Begabungen fördert. Es soll kein Kind mehr schon bereits nach der 4. Klasse aussortiert werden. Darüber hinaus müssen wir die Mehrsprachigkeit der Kinder schon im Kindergarten fördern.

Young Hürriyet: Stichwort "Obama-Effekt": Was denken Sie über einen türkischstämmigen Kanzler bzw. eine Kanzlerin? Ist dies Ihrer Meinung nach in Deutschland möglich?

Polat: Den Kanzler bzw. die Kanzlerin wird ja nicht direkt vom Volk gewählt, sondern von den Parteien vorgeschlagen. Und die Mehrheitspartei stellt dann den/die Kanzler/in. Aber ganz ehrlich, eine türkischstämmige Kanzlerin würden nur die Grünen aufstellen. Dazu müssen wir weit aus mehr als 10% der Stimmen bekommen. Deshalb liebe Youngster-LeserInnen in Zukunft "Grün wählen!".

Young Hürriyet: Viele in Deutschland lebende türkische Jugendliche werden im Laufe ihres  Lebens oft mit der Frage nach ihrer Herkunft konfrontiert. Meistens fühlen Sie sich mit keiner Nationalität richtig eng verbunden und antworten mit "Ich bin ein Deutsch-Türke". Was ist der Grund für diese Unsicherheit?  Wie sollten sich diese Jugendliche fühlen?

Polat: In Deutschland wird sehr viel davon gesprochen wie oder was man sein sollte - das gilt im Übrigen auch in der Türkei. Dieses Denken in nationalen Schranken sollten wir in Zukunft überwinden. Ich kann nur Raten sich nie in eine Schublade stecken zu lassen.

Young Hürriyet: Ich bedanke mich für das Interview.

(Die Fragen stellte Nurcan Yerlikaya)

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