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23. September 2008

Monatliche Kolumne von Filiz Polat in der IMAJ, September 2008

Bildungschancen von Kindern aus Zuwandererfamilien

Viele Kinder aus Einwandererfamilien verlassen die Schule mit einem Hauptschulabschluss. Nur wenige schaffen das Abitur. Noch dramatischer ist die Zahl derjenigen, die ohne einen Abschluss die Schule verlassen. Fast ein Viertel der Kinder aus Zuwandererfamilien brechen die Schule ab. Das ist etwa die dreifache Quote als bei Kindern ohne Migrationshintergrund. Die Zahl ist erschreckend. Die niedersächsische Landesregierung hat nun nach 5 jähriger Amtszeit gemerkt, dass hier Handlungsbedarf besteht, und kündigte an die Zahl der Abbrecher zu halbieren. Welche Maßnahmen die Landesregierung hierzu ergreifen will und vor allem wie viel Geld sie dafür in die Hand nehmen will wurde nicht bekannt gegeben.

An dieser Stelle ist es sinnvoll zu hinterfragen, warum so viele Kinder die Schule ohne einen Abschluss verlassen? Und ob sie gegenüber den "einheimischen" Kindern benachteiligt sind?

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Startchancen von Kindern aus Zuwandererfamilien schlechter sind. So hat schon die PISA-Studie festgestellt, dass das deutsche Bildungssystem Kinder aus sozial schwachen Familien und Kinder aus Migrantenfamilien besonders benachteiligt. Die frühe Selektion nach der Klasse vier führt zu einem zunehmenden Lerndruck und Lernstress bei SchülerInnen, LehrerInnen aber auch Eltern, so dass eine individuelle Förderung oft auf der Strecke bleibt. Dabei ist es gerade bei Kindern mit Zuwanderungshintergrund sinnvoll auf die besondere Situation Rücksicht zu nehmen. Wenn Sprachdefizite vorliegen wird zu wenig dafür getan sie zu beheben. Sprachkompetenzen wie die Mehrsprachigkeit werden nicht gefördert. Dieses Versäumnis beginnt leider auch schon im Kindergarten. ErzieherInnen und LehrerInnen sind oft nicht in ihrer Ausbildung interkulturell geschult worden und so wird der Umgang mit Kindern aber auch mit Eltern erschwert.

Oft korreliert das Ganze auch mit dem sozialen Umfeld der Familien. So sind die Kinder besonders betroffen, wenn die Eltern selber wenig Bildung erfahren haben, oder auch arbeitslos sind. Die Eltern fördern ihre Kinder selber nicht, was dazu führt, dass sie in der Schule nicht mehr mithalten können.

Wird dann bereits nach der Klasse vier eine Empfehlung ausgesprochen und heißt diese Empfehlung Hauptschule ist es für die Kinder sehr, sehr schwierig noch auf eine höhere Schulform zu wechseln. Mit der Einführung des Abiturs nach der Klasse 12 hat sich der Lerndruck nämlich auch in Gymnasien und Realschule erhöht, so dass nicht der Wechsel auf eine höhere Schulform die Regel ist, sondern die Abschulung. Bildung ist der zentrale Schlüssel für die Teilhabe an unserer heutigen Gesellschaft. Unser Arbeitsmarkt fragt zunehmend nach hoch qualifizierten Arbeitskräften. Sind die Fachkräfte im Land nicht vorhanden, fordert die Wirtschaft die Zuwanderung von Hochqualifizierten.

Viele junge Menschen sind frustriert und sehen wenig Perspektiven einen guten Ausbildungs- und Arbeitsplatz zu finden. Kommt dann Diskriminierung hinzu, die darin besteht, dass potentielle Arbeitgeber bei gleicher Leistung das "deutsche" Kind vorziehen kann es passieren, dass sich diese Jugendlichen isolieren und nicht mehr mit dieser Gesellschaft identifizieren wollen. Es ist deshalb von existentieller Bedeutung für unsere Gesellschaft, diesen Kindern und Jugendlichen wieder eine Perspektive zu geben und Aufgabe aller, nicht noch mehr Kinder ohne einen Abschluss aus der Schule zu entlassen. Deshalb brauchen wir die flächendeckende individuelle Förderung dieser Kinder sowohl beim Abbau ihrer Sprachdefizite, als auch in ihrer Kompetenz der Mehrsprachigkeit. Lehrer und Eltern müssen das Ganze viel mehr unterstützen und die Politik das notwendige Geld hierfür in die Hand nehmen.

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