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27. Mai 2009

Monatliche Kolumne von Filiz Polat in der IMAJ, Juni 2009

Good Bye Deutschland, Good Bye Niedersachsen

Alle vier Minuten verlässt ein Deutscher sein Land. An jedem Tag verliert Deutschland ein ganzes Dorf, womit die Zahl der Auswanderer Dimensionen erreicht wie seit 120 Jahren nicht mehr. Trotzdem wird in der gesellschaftlichen Diskussion um die "Zuwanderung" gerne übersehen, dass Deutschland nicht mehr nur ein Einwanderungsland, sondern eben auch ein Auswanderungsland ist. Von den 600.000 Menschen, die jedes Jahr unser Land verlassen, hat fast jeder fünfte die deutsche Staatsangehörigkeit. Seit der Wiedervereinigung sind weit mehr als eine Million Deutsche ins Ausland abgewandert. Es sind überwiegend junge, hoch qualifizierte Menschen, die ihrer Heimat den Rücken kehren. Niedersachsen ist da natürlich keine Ausnahme. Im Gegenteil: seit Antritt der Landesregierung haben wir es mit einem ganz besonderen Phänomen zu tun. Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Bundeslandes haben wir einen negativen Wanderungssaldo (Zuzüge minus Fortzüge) in den Altersgruppen 18-25 Jahre und 25-30 Jahre. Hatten wir im Jahr 2001 noch einen positiven Wanderungssaldo der 18-30 Jährigen in Höhe von 10.000 Zugewanderten (netto), so lag bereits 5 Jahre später im Jahr 2006 der Saldo bei 2.000 Auswanderern (netto) in Niedersachsen. Hier können wir wahrhaftig nicht mehr von einem Einwanderungsland sprechen. In den jungen Altersgruppen müssen wir sogar vom Auswanderungsland sprechen. Allerdings sollten wir uns die Fragen stellen, ob es ein vorübergehender oder ein dauerhafter Trend ist, was die Ursachen dafür sind und wie wir diesen Prozess stoppen können? Hauptgrund für den Auswanderungswunsch: Viele Deutsche glauben, ihren Traumjob nur im Ausland finden zu können. Laut einer Umfrage des Raphaels-Werkes Hamburg verlassen 60 Prozent der Auswanderer Deutschland, weil sie hier zurzeit keine berufliche Perspektive sehen. 20 Prozent wagen den Neuanfang in einem anderen Land aus familiären Gründen; gut sieben Prozent hoffen, ihren Lebensstandard im Ausland zu verbessern. Ähnlich sieht es bei jungen Türken aus, die in Deutschland ihr Studium abgeschlossen haben oder sich noch in der akademischen Ausbildung befinden. In einer Untersuchung des Instituts futureorg, die von der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung präsentiert wurde, haben aufgrund der Befragung von 254 Studierenden und Jungakademikern 36 Prozent angegeben, dass sie ihre Zukunft in der Türkei und nicht in Deutschland sehen. Repräsentativen Anspruch erhebt die Studie aber auf keinen Fall. Denn insgesamt gehen die Autoren von mehr als 20.000 türkischen Studierenden in Deutschland aus. Ziel der Untersuchung sei das Erforschen der Motive für den Abwanderungswillen der türkischen Studenten. So nennen im Unterschied zur Studie des Raphaels-Werkes 41 Prozent der Befragten ein fehlendes Heimatgefühl in Deutschland als Grund für ihre geplante Rückkehr in die Türkei. 25 Prozent geben berufliche Gründe an. Ob man von einem Trend sprechen kann wäre reine Spekulation vor dem Hintergrund auf eine weltweite Wirtschaftskrise. Aber Trend hin oder her, man sollte diesen Prozess seitens unserer Gesellschaft und seitens der Politik mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit unseres Landes, das eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung bitter nötig hat, stoppen. Deshalb sollten wir diese Debatte nicht einem Fachpublikum überlassen, sondern in die Mitte der Gesellschaft tragen. Wir müssen und können in unserem Land gerade den jungen Menschen wieder ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln und die Chancen und Perspektiven auf dem Ausbildungsmarkt verbessern – gerade in Zeiten der Krise.