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29. Oktober 2009

Monatliche Kolumne von Filiz Polat in der IMAJ, November 2009

Wann hört es endlich auf?! Thilo Sarrazin nur einer von vielen.

Es ist diese Dialektik in der Öffentlichkeit, die mich in diesen Wochen nach Thilo Sarrazins Interview für LETTRE INTERNATIONAL im Oktober 2009 schockiert. In fast allen deutschsprachigen Medien wird von "der Aufregung über Thilo Sarrazins Interview" gesprochen, dass nicht nur "die Ausländer" sondern auch die Deutschen seine Wortwahl ("Kopftuchmädchen", "türkische Wärmestuben") als verletzend empfanden. Aber dann kommt das, was an dieser Stelle in der deutschen Ausländerdebatte immer kommt: Es wird ihm in der Sache nicht widersprochen und teilweise sogar Recht gegeben. Eine repräsentative Meinungsumfrage des Emnid-Instituts für die Bild am Sonntag bestätigt dies in erschreckender Weise. Es gibt eine breite Zustimmung zu der These Thilo Sarrazins, wonach ein Großteil der arabischen und türkischen EinwanderInnen "weder integrationswillig noch integrationsfähig" sei: 51 Prozent der Deutschen stimmen Sarrazin zu, nur 39 % sagen Nein dazu. SPD-WählerInnen sagen laut Bild am Sonntag zu 50 % Ja und zu 42 % Nein. WählerInnen von CDU/CSU stehen mit 59 % zu den Sarrazin-Äußerungen; nur 31 % von ihnen sagen Nein. FDP-WählerInnen sagen zu 54 % Ja zu Sarrazin, während 42 % seine Thesen ablehnen. Erstaunlich: 55 % der Linken-WählerInnen stimmen Sarrazin zu, während 36 % gegen seine Äußerungen sind. Von den CDU-AnhängerInnen erwartet man schon nichts anderes mehr, aber dass es eine so breite Zustimmung auch aus dem linken Lager gibt, muss uns doch zu denken geben. Nur Grünen-WählerInnen sind gegen Sarrazin: Von ihnen sagen nur 24 % Ja zu den Sarrazin-Äußerungen, während 64 % sie ablehnen. Allerdings sind mir die 24% auch schon zu viel. Im Grunde hat sich in diesem Land nicht viel geändert. Thilo Sarrazin sagt das, was Deutschland in der Mehrheit denkt. Er ist ja auch nicht der Erste in diesem Land der eine solche Debatte anstößt. Wir haben doch fast schon eine immer wiederkehrende Tradition etabliert über "unproduktive und integrationsunwillige" AusländerInnen. Koch warnte im Hessenwahlkampf 1999 vor der Invasion der Türken, wenn Rot-Grün sich mit der Doppelten Staatsbürgerschaft durchsetze. Nordrhein-Westfalens heutiger Ministerpräsident Rüttgers warb ein Jahr später mit dem Slogan "Kinder statt Inder" als es um die Anwerbung  von Hochqualifizierten aus dem Ausland ging. Fast zeitgleich entfachte Friedrich Merz, damals Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag, eine breite öffentliche Diskussion über eine deutsche Leitkultur. Wir erinnern uns aber auch schmerzlich der daraus sich entwickelnden zynischen Forderungen nach Muslim- bzw. Gesinnungstests. Kopftuchdebatte, Zwangsheirat und EU-Beitritt der Türkei seien an dieser Stelle nur am Rande erwähnt. Ich frage mich, wie lange können wir das noch ertragen? Viele ertragen es nicht und verlassen uns. Sie haben die Nase gestrichen voll. Niedersachsen ist bereits jetzt in den jüngeren Altersgruppen Auswanderungsland geworden. Das kann aber nicht der einzige Ausweg sein.

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